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Dienstag, 03 Juni 2014 08:26

Coaching Heute: Reifer und Emanzipierter

 

Coaching, so wie wir es heute verstehen, hat eine tiefe Reife erreicht. Es ist nicht mehr vergleichbar mit der „werkzeugkistenartigen“ Technik von früher, deren Zugang das „Reparieren“ war. Repariert wurde mit Coaching immer dort, wo ein Defizit entstanden war und an Stellen, an denen jemand Fehler gemacht oder versagt hatte. Und es ist auch nicht mehr vergleichbar mit einer „gurutreuen“ Beratungsform, die ohne transparente Technik arbeitete. In welcher der Coach plötzlichen Eingebungen und „Gespüren“ folgte, was am ehesten noch an wahrsagerische Glaskugel-Taktiken erinnerte. Wir sind davon überzeugt, dass Coaching sich schon längst aus der Schmuddel-Ecke befreit hat und mit ihr auch die praktizierenden Coaches. Wenngleich es eine irritierende Vielfalt an Angeboten und Coaches gibt (Lindner, 2011: 11): Von Ernährungs-, (Buch-)Schreibe- und Mediencoaching über Vocal- oder Stylecoaching bis hin zu Anti-Cellulite-Coaching (googeln lohnt sich) oder Body-Coaching. Autorenkollegen sprechen treffenderweise von „Bindestrich-Coaching“ (Lindner, 2011: 68).

 

Wir glauben, dass es heute in gelungenen Coachings nicht um die Entscheidung geht, ob „Hammer oder Meisel“ in einer Fragestellung ausgepackt werden sollen (vgl. Fischer-Epe, 2010: 29). Der Coach von heute arbeitet viel mehr an seinem Selbstverständnis, an seinem Menschenbild und flirtet in dieser Individualisierung gerne mit alten Philosophen und Denkern. Und dabei beschäftigen wir uns zentral mit dem Thema Ethik und Haltung. Und das tun wir weniger in der Theorie, denn das haben schon viele andere Autorenkollegen erarbeitet, sondern wir fokussieren auf das „wie“ und eine mögliche Umsetzung dieser Theorie: Wie führen wir Coaching-Gespräche und wie leben wir die Haltung.

Lassen Sie uns gemeinsam in den Kopf eines Coaches schauen: Dort entscheidet sich, wie das Coaching ablaufen wird. Das „wie“ hängt ganz maßgeblich von der Haltung des Coaches ab. Die Haltung eines Coaches lässt sich als innere Einstellung oder als persönliche Erfahrung umschreiben; sie beinhaltet alle Paradigmen und Grundannahmen des Coaches:

  • „Welche bewusste oder unbewusste Vorstellung hat der Coach von Kommunikation und wie diese ‚funktioniert‘?“

  • „Welches Bild hat der Coach von Menschen im Allgemeinen und von seinem Coaching-Klienten im Speziellen?“

  • „Wie beschreibt der Coach soziale Zusammenhänge und wie beschreibt er Veränderungsschritte von Individuen?“

  • „Welche innere Haltung hat er zum Coaching-Prozess?“

  • „Was ist seiner Meinung (und Erfahrung) nach möglich und was nicht?“

 

Die Antworten auf diese Fragen machen die Grundlage aus, die beim Coach mitschwingt, sobald er sich für eine Methode oder eine Technik entscheidet. Das meinen wir, wenn wir von Haltung sprechen. Und das ist der Zusammenhang zwischen Coaching und dem Kopf des Coaches.

 

 

Der moderne Coaching-Zugang hat sich also verändert: Er wurde allgemeiner, reifer und emanzipierter. Wahrscheinlich ist dies auch ein Grund, weshalb individuelles Coaching immer stärker nachgefragt wird. Diese Entwicklung ist möglicherweise den Effekten der Individualisierung und Globalisierung unserer Gesellschaft zu verdanken oder auch in den verschiedenen Tretmühlen des Alltags zu suchen (vgl. Binswanger, 2006: 47). Jedenfalls wird Begleitung und Orientierungshilfe sichtbar vermehrt gesucht. Dass es eine verstärkte Nachfrage für Coaching-Kompetenzen gibt, ist eine Tatsache an sich mit eigenen Ursachen und Gründen. Uns interessieren aber vor allem Wege im Coaching und Menschen, die als Coaching-Anwender ihre Kommunikation veredeln. Denn es ist ein Unterschied, ob sich ein Hilfesuchender an einen willigen Zuhörer wendet oder an eine Person, die Coaching-Kompetenzen besitzt. Willige Zuhörer für Problemsituationen finden Sie in unserer reflektierten Gesellschaft sehr zügig. Da jeder Mensch über eine Psyche und eine Persönlichkeit verfügt, gehen die meisten Menschen auch davon aus, dass sie bei „psychischen“ oder „persönlichen“ Fragestellungen weiterhelfen können. Natürlich kann jeder bei einem Freund, einem Arzt oder Seelsorger, einem Kollegen oder Vorgesetzten, innerhalb seiner Beziehung oder bei anderen nahe stehenden Menschen einen aufmerksamen Zuhörer finden. Und doch macht es entgegen der allgemeinen Annahmen einen bemerkenswert dramatischen Unterschied, ob der Zuhörer sich an gewisse Kommunikationsregeln hält und sich eine gewisse innere Haltung angeeignet hat (oder eben nicht).

 

Unsere Kernbotschaft ist: Jeder, der das möchte, kann sich die Fertigkeiten sowie die innere Haltung und Überzeugung für professionelle Coaching-Begleitung aneignen. Sowohl die Fragetechniken als auch die Fähigkeit, sich selbst inhaltlich aus dem Problem des Coaching-Klienten herauszuhalten, ist erlernbar. Denn betrachtet man Coaching auf diese Weise, dann handelt es sich in erster Linie um eine Haltung als um eine Technik. Es ist die Möglichkeit, anderen zu helfen, ihre Lösungen selbst zu erarbeiten. Im Umkehrschluss ist jedoch die Unkenntnis dieser Eckpfeiler bei vielen Zuhörern die Grundlage für scheiternde Beratungsgespräche oder Missverständnisse. Manchmal versperren Hilfsbedürftigkeit und persönliche Erfahrungen des Beratenden eine „unterstützende“ Kommunikation mit dem Hilfesuchenden. Und dann entstehen vielleicht Lösungsvorschläge, die mehr Bezug zum Ratgeber haben als zum Hilfesuchenden: „Ich an Deiner Stelle, würde es so machen (…)!“ oder „Als ich mal in einer ganz ähnlichen Situation wie Du war, hat mir Folgendes geholfen (…)!“. Diese oder ähnliche Ratschläge kennen Sie sicher auch aus Ihrem persönlichen Alltag.

Natürlich kann es durchaus einen Unterschied machen, ob der Coach eine jahrelange Erfahrung in der Coaching-Technik hat oder ob jemand gerade erst frisch mit dem Coaching begonnen hat. Dennoch sind wir fest davon überzeugt, dass auch ein „Neuling“, der sein Coaching-Handwerkszeug beherrscht, einem Klienten helfen und einen positiven Unterschied machen kann. (In jedem Fall bewirken Coaching-Fragen etwas anderes als Ratschläge.)

 

 

Literatur

Bartels, O. und Wundsam, K: Mein erstes Mal. Was Coaching alles verändern kann. Wien, 2011

Binswanger, M.: Tretmühlen des Glücks. Freiburg im Breisgau, 2006

Fischer-Epe, M.: Coaching: Miteinander Ziele erreichen. Hamburg, 2010

Lindner, E.: Coachingwahn: Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen. Berlin, 2011

 

Über die Autoren

Oliver Bartels
arbeitet als Führungskräftetrainer, Systemischer Unternehmens- und Prozessberater für Teams und Organisationen und Vortragender im In- und Ausland. Sein Herz schlägt für die Themen Coachingausbildung ("sollte jeder können") und systemische Beratung ("hätte ich das vorher gewusst...."). Er ist (Co-)Autor von mehreren Fachartikel sowie drei Büchern. www.OliverBartels.de
Dr. Kerstin Wundsam
ist als Fachbuchautorin, systemische Beraterin, Trainerin und Coach tätig und begleitet Führungskräfte aller Hierarchieebenen sowie Teams in komplexen Situationen und Veränderungsprozessen. Als leidenschaftliche Referentin konzipiert sie Trainings und Seminare (u.a. zu den Themen 'Leadership', Systemisches Coaching und Konfliktmanagement). www.kerstin-wundsam.de

 

 

Buchempfehlung:

Oliver Bartels / Kerstin Wundsam
Mein erstes Mal.  Was Coaching alles verändern kann
220 Seiten, ISBN Print: 978-3-902155-13-9, ISBN E-Book: 978-3-902155-18-4

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